U-Verlagerung “Meise I”
Flugzeugbau "Gottlob Espenlaub"

SüdportalDer am 25.10.1900 in Schwaben geborene Gottlob Espenlaub kam schon sehr früh mit der Fliegerei in Berührung. Bei einem Segelflugwettbewerb, bei dem sich der gelernte Tischler gegen Kost und Logis zu Verfügung stellte, baute Gottlob Espenlaub aus den Trümmern abgestürzter Segelflugzeuge seinen ersten Gleitflieger zusammen. Die zukünftige berufliche Laufbahn war somit klar: Die vollständige Hingabe an die Fliegerei , gepaart mit seinem eigenwilligen Tüftlergeist, ließen ihn schon bald sehr bekannt in der noch jungen Disziplin der Luftfahrt werden. Zu seinem damaligen Freundes- und Bekanntenkreis gehörten unter Anderen: Hanna Reitsch (berühmte Segelfliegerin), Heini Dittmar (Messerschmitt Testpilot/ Erster, der mit einer Me 163 über 1000 km/h schnell flog.) und Gerhard Fieseler (Flugzeugbauer). In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg machte sich Gottlob Espenlaub einen Namen als Flugzeugpionier, indem er intensive Versuche und Verbesserungen an neuem Fluggerät betrieb. Er war der Erste, der sein Segelflugzeug in die Luft schleppen ließ. Noch aufsehenerregender waren seine Versuche mit Raketenantrieben an Flugzeugen. Der erste erfolgreiche Flug  mit einem Raketenflugzeug gelang ihm im Jahre 1929. Bekannt wurde Espenlaub auch durch seine waghalsigen Flugmanöver und natürlich auch durch die unvermeidbaren Abstürze, bei denen oft nur ein unglaubliches Glück sein Leben rettete...

Nordportal...Ab dem Jahre 1937 arbeitete Espenlaub, welcher mittlerweile eine Flugzeugproduktionsfirma in Düsseldorf besaß, mit der Luftwaffe zusammen. Er reparierte zusätzlich die Flugzeuge der Hersteller Heinkel (He 72), Klemm (Kl 35) und Bücker (Bü 131). Im Mai 1939 zog die Firma "Espenlaub Flugzeugbau" auf drängen der Industrieberatungsstelle der Wehrmacht nach Wuppertal-Langerfeld. Dieser Standort an der Spitzenstrasse erhielt den internen Namen: Werk 1.
Die Firma expandierte so schnell, dass sie schon im darauf folgenden Jahr ein weiteres Werk (Werk 2) und einen firmeneigenen Flugplatz ebenfalls in Wuppertal-Langerfeld erbaute. Nochmals zwei Jahre später wurde das Werk 3 an der Schwelmer Strasse errichtet. Die Firma Espenlaub fungierte im Zweiten Weltkrieg hauptsächlich als Reparaturbetrieb für den sogenannten Sturzkampfbomber (Stuka) Ju 87. Aber auch die Herstellung neuer Ersatzteile sowie die Wiederherstellung gebrauchter Flugzeugteile fand in den Wuppertaler Werken statt. Des weiteren unterhielt Gottlob Espenlaub noch ein "Frontreparaturbetrieb" der Junkers-Bomber (Ju 88) in Reval, heute die Estländische Hauptstadt Tallinn.
Da auch Wuppertal Anfang 1944 immer öfter das Ziel der alliierten Luftangriffe wurde, und die Reparatur an den Flugzeugen wie Fw 190 und Ta 152 immer wieder unterbrochen werden musste, entschloss man im Zuge des Jägerprogramms auch die Produktion der Firma Espenlaub bombensicher unterzubringen. Ein Reichsbahntunnel, nur wenige Kilometer entfernt, im benachbartem Schwelm schien wie geschaffen für das künftige Ausweichwerk 4..


Die Untertageverlagerung "Meise 1":

AusgangDie U-Verlagerung der Firma Gottlob Espenlaub wurde ab Sommer in dem Linderhauser Tunnel im Norden von Schwelm eingerichtet. Den Umbau des 935 Meter langen Tunnels zur Bombensicheren Produktionsstätte übernahm die Organisation Todt. Unterstützt wurde die OT mittels Arbeitskräften der Firma Espenlaub. Das Ausweichwerk trug den Namen "Werk 4" und hatte den Decknamen "Meise".
Auch wenn die Bauarbeiten in der U-Verlagerung noch nicht ganz abgeschlossen waren, der Reichsbahntunnel war noch auf beiden Seiten offen, so war der Umbau soweit beendet, dass der Betrieb am 23.10.1944 mit etwa 1000 Mitarbeitern aufgenommen werden konnte. Im Linderhausener Tunnel befand sich der größte und wertvollste Teil der Fabrikeinrichtung des Wuppertaler Flugzeugwerks. Die wertvollste Maschine war eine gewaltige Tiefziehpresse für die Bearbeitung der Bleche der Tragflächen (Zellen) der Flugzeuge. Die Arbeitskräfte wurden täglich vom Werk 2 zusammen mit den Flugzeugteilen in den Nachbartunnel gefahren und abends wieder zurück gebracht. Auch der Linderhauser Tunnel bestand (und besteht immer noch) aus einem Doppeltunnel, wovon einer zur Be- und Entladung diente, und die andere Tunnelröhre die eigentliche Produktionsstätte war. (siehe auch:
U-Verlagerung "Kauz" in Wuppertal) Ähnlich wie in Kauz, befand sich in Meise über die gesamte Tunnellänge hinweg ein Schwerlastkran unterhalb der Tunnelfirste. Auch die Lüftungsrohre und die Stromkabel verliefen oberhalb der Stahlträger.
Ende 1944 verfügte die Firma "Espenlaub Flugzeugbau" über 2253 Mitarbeiter, von denen mehr als die Hälfte Ausländer waren. Obwohl die Anlage "Meise" für 1000 Mitarbeiter ausgelegt war, arbeiteten dort nie so viele Menschen gleichzeitig. Etwa 100 Flugzeuge konnten pro Monat in der U-Verlagerung "Meise" repariert werden.
Da eine Verpflegungsmöglichkeit bestand, wurden auch die Mittagspausen bombensicher im Tunnel abgehalten.
Das Ausweichwerk "Meise" bestand noch bis zum Ende des Krieges. Wie bei vielen anderen Rüstungsbetrieben auch, wurde in Werk 4 noch bis zuletzt gearbeitet wie ein ehemaliger Mitarbeiter zu berichten weiß:
"Wir haben in Schwelm schon die Amerikaner gesehen, da haben wir noch repariert..."

 

Abschließende Worte:

Gottlob Espenlaub verstarb am 08.02.1972. Die Firma gab es danach noch 10 Jahre, ehe sie 1982 erlöschte.
Die beiden Eisenbahntunnel sind heutzutage noch vorhanden, allerdings wird der Tunnel in dem sich das Ausweichwerk (Untertage-Verlagerung) befand wieder genutzt. Durch ihn verkehrt die S-Bahn Linie 8 zwischen Wuppertal und Hagen.
Der Westtunnel liegt seit einigen Jahren brach, und kann von erfahrenden Bunkerforschern erkundet werden.
Die Firma Espenlaub Flugzeugbau aus Wuppertal bezog zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein weiteres Ausweichwerk in einem Reichsbahntunnel. Diese U-Verlagerung befand sich ebenfalls in Schwelm und hatte den Decknamen
"Falke"

Recherche und Text: Olly
Exkursion und Fotos: Georg und Olly
Webdesign und Computerarbeiten: Georg und Olly
 

[Quellen]:
Ausländer im "Arbeitseinsatz" in Wuppertal, Florian Speer, Historisches Zentrum Wuppertal 2003,
ISBN 3-87707-609-2

Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten des zweiten Weltkrieges, Hans Walter Wichert,
ISBN: 3-9803271-4-0

 

(c) D7GT
Tipp:
Schwelmer Bernstein (Es gibt nix besseres...)

 

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Meise I